Die Geschichte von Soulbound Ærkana®

📖 Die Geschichte von Soulbound Ærkana®

Am Anfang war nur der Fluss.
Ein endloses, formloses Strömen aus Gedanken, Magie und Bedeutung.
Keine Wesen, keine Welt – nur das, was sein könnte.

Doch dann begannen Stimmen aus dem Fluss zu rufen.
Erinnerungen nahmen Gestalt an. Begriffe banden sich an Formen.
Und aus dem Chaos entstand eine Welt – Ærkana.

Die ersten, die diese Welt betraten, waren keine Herrscher.
Sie waren Binder – Seelen, die die Sprache des Flusses verstanden.
Sie erschufen Siegel, formten Arkana, riefen Wesen aus reiner Bedeutung und banden sie an sich selbst.

Doch mit jeder Bindung wuchs der Preis.
Je tiefer die Verbindung, desto größer die Macht – und desto mehr verlorene Teile der eigenen Seele.
Einige wurden Götter. Andere Monster. Und manche… verschwanden ganz.

Dann kamen die Sieben Artefakte der gebundenen Zeit.
Kein Mensch weiß, woher sie stammen.
Nur, dass sie die Macht hatten, den Fluss selbst zu verändern – zu leiten, zu unterbrechen, umzuleiten.
Und so begannen die Kriege.
Erste. Zweite. Dritte Bindungskatastrophe.
Die Welt wurde zersplittert. Akademien entstanden. Fraktionen bildeten sich.
Und vieles wurde vergessen.

Heute, in einer scheinbar ruhigen Zeit, regt sich etwas.
Die alten Karten flüstern wieder.
Kinder träumen von Runen, die sie nie gesehen haben.
Und manche Duellanten – jung, unbeachtet, unbeabsichtigt – erwecken Bindungen, die es seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben hat.

Die Welt braucht keine Helden.
Sie braucht Seelen, die bereit sind, zu verstehen.


Willkommen, Binder.
Die Geschichte hat dich gefunden.
Jetzt bist du Teil von ihr.

Soulbound Ærkana® - Der Anfang

Lest hier, exklusiv das erste Kapitel der Lore zu Soulbound Ærkana, lernt Elradia und Meister Valez kennen, und bindet die erste Karte.

Sarvanna war nie eine Welt des Friedens. Hinter jedem Fluss verbargen sich alte Geschichten, in jedem Gebirge ruhten Legenden. Und doch gibt es eine Wahrheit, die stärker überlebt hat als alle Lieder: die Entstehung der Soulbound-Karten.
Vor Äonen herrschte ein König, dessen Name aus den Chroniken gelöscht wurde. Nur sein Ehrgeiz blieb unvergessen. Er verlangte nach Macht, die selbst den Tod überdauerte. Nicht nur das Fleisch seiner Krieger wollte er beherrschen – auch ihre Seelen sollten ihm gehören.
Um dieses Ziel zu erreichen, rief er die weisesten Arkanisten Sarvannas zu sich. Gemeinsam ersannen sie ein Ritual, das nie zuvor gewagt worden war: die Bindung von Leben und Seele an Bildnisse. Auf Holz, auf Stein, auf Silber und auf Blut brannten sie die ersten Karten.
Jeder dieser „Erstgebundenen“ war einzigartig – keine zwei gleich, keine zwei je vergessen. Und wenn der Herrscher sie auf den Altar legte, erhoben sich seine gefallenen Kämpfer erneut, bereit, abermals zu sterben. Seine Armee war unsterblich. Sein Reich schien unerschütterlich.

Doch je größer seine Macht, desto tiefer sanken die Schatten. Sein Name verschwand aus allen Liedern, seine Statuen wurden zerschlagen, sein Reich versank im Fluss der Zeit. Nur die Karten blieben – vergraben, verflucht, vergessen. Bis heute.

 

Das Siegel von Varenth

 

Der Norden begann nicht mit Schnee, sondern mit Schweigen. Erst wenn man lange genug darin ging, merkte man, dass es Geräusche gab: das Knacken von gefrorenen Fichten, das ferne Grollen eines unsichtbaren Gletschers, der eigene Atem, der in der Kälte zu kurz wurde. Elradia zog den Schal höher und stemmte sich gegen den Wind. Ihre Finger waren taub, ihr Trotz nicht.
„Sie haben uns Narren genannt,“ sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Im Dorf. Als hätten wir nicht verstanden, wozu wir aufbrechen.“
„Vielleicht haben sie es verstanden,“ erwiderte Valez ruhig hinter ihr. „Und uns gerade deshalb gewarnt.“
Er sprach, wie er forschte: behutsam, abwägend, mit Respekt vor dem, was er nicht wusste. Auf dem Rücken trug er eine schmale Kiste mit Eisenbeschlägen, in der Kartenhüllen, Kreide, Runenstäbe, Pergamente, Bänder und ein Messer ruhten, das mehr nach Werkzeug aussah als nach Waffe. Elradia nannte es heimlich sein „Sezierbesteck für Geheimnisse“.

Sie erreichten bei Dämmerlicht die Klippen von Varenth. Die Burg saß darin, als hätte die Welt selbst sie verschluckt und nie ganz verdaut. Schwarzer Stein, nicht natürlich, nicht freundlich; Zinnen, die wie Finger in den Himmel griffen; ein Tor, halb verschüttet, mit einer Schicht aus Eis, die seit Jahrhunderten nicht gebrochen war.
„Wenn es ein Ort gibt, an dem Geschichten nicht sterben,“ murmelte Valez, „dann hier.“
Elradia fuhr mit dem Handschuh über das Eis des Tores. „Oder ein Ort, an dem sie begraben werden.“ Dann holte sie Luft, stellte die Laterne ab und zog aus ihrem Mantel einen kleinen Meißel. „Helft mir.“
Sie arbeiteten schweigend. Das Eis gab widerwillig nach, sprang in langen, scharfkantigen Flocken. Je tiefer sie kamen, desto dunkler wurde der Stein darunter, bis er nicht mehr schwarz, sondern glänzend war, als spiegelte er die Nacht selbst. Obsidian.
„Es ist nicht nur ein Tor,“ sagte Valez, als Elradia den Handschuh abzog und mit der bloßen Hand die Fläche fühlte. „Es ist ein Siegel.“
In seiner Stimme lag ein leiser Ton, den Elradia kannte: nicht Angst, sondern das gefährliche Nach-vorn-Lehnen, wenn sein Geist eine Spur gefunden hatte. Er kniete nieder,

strich mit dem Daumen über eine kaum sichtbare Rille und nickte. „Alte Arkanum-Arbeit. Schichtbindungen, überlagert. Es öffnet sich nicht, weil es offen ist.“

„Sehr hilfreich, Meister.“

Er lächelte, ohne aufzusehen. „Es öffnet sich, wenn es erinnert wird.“

Er nahm Kreide, zog einen Kreis auf die Obsidianfläche, legte drei kleine Metallplättchen an drei Punkte des Kreises – Kupfer, Zinn, Silber – und schrieb zwischen sie Zeichen, deren Linien so alt wirkten wie der Stein. Elradia kannte die meisten aus den Vorlesungen und aus langen Nächten in der Bibliothek. Drei Rollen, drei Stimmen. Namensträger. Essenzkanalist. Seelen— Sie hielt inne. Valez sah nicht auf.

„Ich weiß, was du denkst,“ sagte er leise. „Wir wiederholen nicht ihre Fehler.“

„Aber wir kopieren ihre Schlüssel.“

„Wir rekonstruieren ihre Mechanik. Der Zweck ist ein anderer.“

Sie zündete die Laterne erneut. Das Licht war warm und klein und schuf in dem schwarzglänzenden Tor eine zweite Sonne, tröstlicher als die echte, die irgendwo hinter Wolken verbarg. Valez legte die Hand flach auf die Mitte des Kreises. „Ich werde sprechen. Du hältst die Linie. Wenn etwas reagiert, nimmst du die Laterne zurück und bleibst stehen. Kein Schritt in den Schnee.“

„Warum?“

„Weil du sonst das Licht verlierst.“

Er begann. Keine großen Worte, keine pathetischen Anrufungen. Er nannte Dinge beim Namen: Stein, Tor, Zeit, Varenth. Er tat es, wie man alte Freunde grüßt – höflich, ohne zu betteln. Elradia merkte, wie der Obsidian unter ihrer Handfläche kühl vibrierte, als ließe er das Sprechen zu.

Dann veränderte sich der Klang der Luft. Der Wind an der Klippe war noch da, doch drang er nicht mehr zu ihnen. Die Flocken, die eben noch schräg tanzten, sanken plötzlich senkrecht, als würde jemand über ihnen die Handfläche schließen.

„Jetzt,“ sagte Valez knapp. „Atem.“

Elradia beugte sich vor, hauchte auf ihre Finger, presste die feuchte Wärme auf eines der Metallplättchen. Ein kaum hörbares Singen antwortete – kein Ton, eher ein Druck, der hinter den Ohren saß. Der Kreis flammte nicht auf. Er dunkelte nach. Als ob die Farbe der Nacht selbst dichter wurde.

„Es erinnert sich,“ flüsterte Valez.

Das Tor glitt nicht beiseite, klappte nicht auf. Es löste sich, wie Reif von Haut abblättert – Schicht für Schicht. Dahinter lag ein Gang. Keine Stufen, keine Zier. Nur Stein, der schon alt war, bevor man ihn formte.

Sie traten ein. Die Geräusche wurden klein. Elradia zählte ihre Schritte, um nicht an das zu denken, was hinter ihnen lag. Bei vierzig hörte sie auf; bei fünfzig vergaß sie, warum sie angefangen hatte.

Die erste Halle lag tief genug, dass das Licht der Laterne die Decke nicht erreichte. Dafür erreichte es, was dort hing: Längliche Platten aus dunklem Holz und hellerem Stein, versehen mit Bildern von Kriegern, Tieren, Gestalten, deren Umrisse zwar menschlich, deren Proportionen aber seltsam verzogen waren, als hätte jemand den Moment einer Verwandlung festgehalten. Wenige trugen noch Farbe, alle trugen Zeichen. Und in jeder Platte war die Spur eines Brandes, kein zufälliges Verkohlen, sondern eine absichtsvolle Wunde.

Elradia trat näher an eine der Platten. Sie zeigte einen Mann, der eine Maske trug – keine groteske, sondern eine schlichte, die Augen freiließ. In seinem Arm lag etwas, das wie ein Speer ohne Spitze aussah. Unter dem Bild war ein Name eingeritzt. Der Stein hatte ihn fast verschluckt; nur ein J blieb deutlich.
„Erstgebundene,“ sagte Valez. Er klang nicht stolz; eher traurig. „Nicht gedruckt. Nicht geschrieben. Gebrannt.“
„Wer sie gebrannt hat, hat gebrochen,“ entgegnete Elradia. „Nicht nur Holz.“
„Ja.“
Sie gingen weiter. Auf dem Boden fand sich ein Muster aus geschwärzten Rillen, die in der Halle zusammenliefen und dann wie Flüsse in einem trockenen Delta versickerten. Elradia fuhr mit dem Finger in einer Rille entlang. Sie war nicht tief. Es reichte, dass Flüssigkeit darin fließen konnte. Blut, dachte sie, und sagte es nicht.
Am Ende der Halle erhob sich ein Altar aus Obsidian, glatt und kalt, so sehr Stein, dass er schon wieder wie Glas wirkte. In seiner Mitte lag eine Platte – kleiner als die anderen, so groß wie Elradias Hand. Keine Schnitzerei, kein gemaltes Bild. Nur ein Zeichen, ins Material eingearbeitet, scharf und klar: 🜂

„Flamme,“ sagte Valez, als er neben ihr stand. „Ein uraltes Arkanum-Siegel. Elementare Instanz, nicht Metapher.“
Elradia verstand die Hälfte. Die andere Hälfte spürte sie. Es war, als stünde sie zu nah an einer Glut, die man nicht sah. Nicht Hitze. Erwartung.
„Soll ich?“ fragte sie, halb höhnisch, halb ehrfürchtig, und streckte die Hand aus.
„Nicht direkt,“ sagte Valez schnell. „Nicht ohne—“
Zu spät. Ihre Fingerspitzen berührten die Kante der Platte. Der Effekt war keine Verbrennung. Es war das Gegenteil: Kälte, so plötzlich, dass ihr Schwindel schwarz über den Augen malte. Sie schnappte nach Luft, zog die Hand zurück und merkte erst dann, dass sie die Laterne beinahe fallen gelassen hätte.
„Ich sagte—“
„Ich weiß, was Ihr sagtet,“ fauchte sie und zwang ihre Hand zur Ruhe. Die Kälte zog sich in die Haut zurück, ließ eine feine Spur, als hätte jemand eine Linie aus Winter auf sie gezeichnet. „Aber sie hat geantwortet.“
„Sie?“

Elradia nickte, obwohl ihr das albern vorkam. „Es fühlt sich nicht an wie ‚das‘. Eher wie… Wie jemand, der sich erinnert, berührt worden zu sein.“
Valez sah nicht spöttisch aus. Nicht einmal zweifelnd. Nur wach. „Dann sprich.“
„Was denn?“
„Wovon du glaubst, dass sie sich erinnern will.“
Elradia holte tief Luft. Man konnte mit Steinen sprechen, hatte Valez einmal behauptet, wenn man begriff, dass man nicht mit Steinen sprach. Sie legte die Hand noch einmal auf die Kante, hielt die Laterne dicht, ließ die Wärme auf die Kälte treffen, bis etwas Drittes daraus entstand: ein hauchdünner Nebel, der über der Platte zitterte.
„Wir sind nicht hier, um zu nehmen,“ sagte sie leise. „Wir sind hier, um zu verstehen. Ich bin Elradia. Er ist Ignacio Valez. Wir suchen, was richtig ist, nicht, was einfach ist.“
Eine Weile geschah nichts. Dann vibrierte der Altar – kaum merklich, doch so, dass die Laternenflamme flatterte. Das Zeichen 🜂 glomm auf, nicht hell, eher tiefer, als habe jemand in der Platte eine Tür geöffnet, die nach innen führte. Die Luft veränderte sich. Der Raum nahm Form an, ohne sich zu bewegen. Das Licht der Laterne wurde nicht heller, aber es reichte weiter, als ob die Dunkelheit den Abstand verringerte. Und aus dieser verdichteten Dämmerung trat eine Gestalt hervor. Kein Gespenst, keine Statue, kein Mensch. Eher der Gedanke eines Menschen, der zu sehen beschloss.
Sie warf keinen Schatten. Und doch machte sie die Schatten um sie herum sicherer, als hätten sie endlich einen Grund, da zu sein.
„Benennen,“ sagte die Gestalt. Ihre Stimme war nicht laut, und doch hatte man das Gefühl, sie würde die Steine übersetzen. „Benennen, um zu binden.“
Valez verbeugte sich. Nicht tief, nicht unterwürfig, sondern wie jemand, der eine Grenze achtet. „Namensträger,“ sagte er, und Elradia wusste, dass er damit nicht sich meinte, sondern eine der drei Rollen, die er in zahllosen Manuskripten beschrieben gefunden hatte. Er deutete mit der Hand auf die Platte. „Wenn du willst, dass wir benennen, so gib uns, was benannt werden darf.“
„Wollen ist ein menschliches Wort,“ antwortete die Gestalt. „Es gab ein Wollen. Es wurde Macht. Es wurde Hunger. Es wurde Stille.“

Elradia trat einen Schritt vor. „Und jetzt?“
„Jetzt gibt es Erinnerung.“
Die Gestalt hob die Hand. Keine Finger, nur die Ahnung einer Hand. Auf der Platte flackerte das Zeichen erneut, und diesmal fügte sich ihm eine Linie hinzu. Kein Buchstabe. Eher eine Richtung. Elradia spürte, wie ihr Mund trocken wurde.
„Meister,“ sagte sie, „wenn wir es benennen, ist es nicht mehr nur Erinnerung.“
„Es war nie nur Erinnerung,“ entgegnete Valez. „Es war Bindung. Und Bindung ist immer Gegenwart.“
Er legte zwei Finger in den Rand einer der geschwärzten Bodenrillen, als wolle er sich vergewissern, dass der Stein noch da war. Dann sprach er, nicht zu schnell, nicht zu feierlich: „Feuer, das nicht verbrennt, sondern bewahrt. Flamme, die nicht frisst, sondern formt. Du trugst einen Namen. Wir erinnern ihn nicht, um zu herrschen. Wir erinnern, um zu heilen.“
Elradia hatte das Gefühl, etwas in der Halle würde auf diese Worte warten. Es war nicht die Gestalt. Es war die Stille. Die Stille hielt den Atem an.

„Jen—“ begann Valez, verstummte und schloss die Augen. „Nicht ich,“ sagte er, und Elradia brauchte einen Herzschlag, um zu begreifen, was er meinte. Er blickte sie an. Ein ernstes, warmes, gefährliches Ansehen. „Du.“
Sie hätte widersprechen können. Dass sie nur Novizin sei. Dass Namen Macht hätten und Macht Verantwortung. Stattdessen dachte sie an das Dorf, an den Mann, der ihnen Brot in die Hand gedrückt und „Geht nicht“ gesagt hatte, als wären diese zwei Worte eine Decke, die man über zwei Menschen legen konnte. Sie dachte an den Wind, der nach nichts roch, weil alles darin eingefroren war. Und sie dachte an die Platte, die sie berührt hatte und die sich angefühlt hatte, als hätte jemand in ihr die Spur eines Herzschlags hinterlassen.
„Jenri,“ sagte sie. Nicht laut. Nicht fragend. Einfach so, als schmecke man ein Wort, bevor man es ausspricht, um zu prüfen, ob es wirklich zu einem gehört.
Die Platte vibrierte. Das Zeichen 🜂 sprang auf, hell und tief zugleich. Die geschwärzten Rillen auf dem Boden glommen nacheinander auf, wie Sterne, die sich gegenseitig erinnern, dass Nacht nicht nur Dunkelheit ist.
Die Gestalt senkte die Hand. „Benannt.“

Etwas in der Halle reagierte, das kein Licht war. Es war Nähe. Die Temperatur veränderte sich nicht, und doch spürte Elradia Wärme – nicht auf der Haut, sondern unter den Rippen.
„Firestorm,“ flüsterte der Stein selbst, oder Elradia glaubte, es sei der Stein. Das Wort war fremd und vertraut, wie ein Name, den man in einem anderen Leben getragen hatte.
Valez atmete hörbar aus. „Er ist nicht hier,“ sagte er sofort, mehr zu sich als zu ihr. „Er ist gebunden, ja. Aber die Bindung ist—“ Er suchte, fand das richtige Wort und wählte ein anderes. „—verwundet.“
Elradia legte instinktiv die Hand auf die Platte. Sie war nicht mehr kalt. Sie war nicht warm. Sie war etwas Drittes.
„Was müssen wir tun?“ fragte sie.
Die Gestalt sah sie an, ohne Augen, und doch fühlte es sich an, als würde jemand ihr Blickfeld aufräumen, bis nur noch das übrig blieb, was wichtig war. „Ihr habt benannt. Nun müsst ihr lernen, zu hören.“
„Wem, sollen wir zuhören?“
„Denjenigen, die nicht schweigen, obwohl sie gebunden sind.“

Ein leiser Riss ging durch die Stille, so fein, dass Elradia erst an eine Sinnestäuschung dachte. Dann hörte sie es wieder. Nicht laut, nicht drohend. Ein Kratzen. Aus dem Gang hinter ihnen. Zweimal. Pause. Noch einmal.

Sie drehte sich nicht um. Sie hatte nicht vergessen, was Valez gesagt hatte: Kein Schritt zurück.

„Meister?“

„Ja.“

„Wir sind nicht allein.“

„Nein.“

Die Gestalt neigte den Kopf, als würde sie zustimmen. „Varenth erinnert viele,“ sagte sie. „Nicht alle erinnern sanft.“

Elradia hob die Laterne, fixierte den Eingang zur Halle, wo das Dunkel dichter stand als anderswo. Das Kratzen kam erneut, diesmal tiefer, als würde etwas mit Geduld am Stein arbeiten. Nicht groß. Nicht hastig. Sicher.

„Wie viele?“ fragte sie, ohne den Blick loszureißen.

„Genug,“ sagte die Gestalt. „Um zu prüfen, ob ihr benennen konntet, ohne wieder zu brechen.“

Die Laterne flackerte, als hätte die Luft einen Geschmack angenommen, den Feuer nicht mochte. Valez trat neben Elradia, die Platte zwischen ihnen, die geschwärzten Rillen an ihren Füßen, die alte Burg über ihnen.

„Elradia,“ sagte er leise, „wenn ich dir jetzt sage, dass du nicht kämpfen sollst—“

„—dann kämpfe ich trotzdem, wenn es sein muss,“ antwortete sie, ohne ihn anzusehen. In ihrem Mundwinkel lag ein kleines, hartnäckiges Lächeln, das sie nicht geplant hatte. „Aber ich verspreche, zuerst zuzuhören.“

Das Kratzen verstummte. Einen Herzschlag lang war es, als habe die Burg selbst das Wort ergriffen. Dann trat etwas aus dem Gang, an die Schwelle der Halle. Es war nicht groß. Es war nicht Mensch. Es war nicht Tier. Es war eine Form, die man kannte, ohne sie je gesehen zu haben: der Schatten eines Wesens, das einmal gebrannt worden war und sich nicht hatte löschen lassen.

Es blieb an der Schwelle stehen, als hielte eine unsichtbare Linie es auf – oder als warte es, ob jemand es beim Namen rufen würde.

Elradia hob die Hand, und die Laterne malte ein Zittern an die Wände. „Hörst du uns?“ fragte sie.

Das Wesen hob den Kopf. In der Tiefe, wo Augen hätten sein können, glomm etwas auf. Nicht rot. Nicht gelb. Das tiefe, ruhige Licht einer Flamme, die auf Antwort wartet.

Die Gestalt neben dem Altar schwieg. Valez schwieg. Die Halle hielt den Atem an.

„Dann benennen wir ein zweites Mal,“ sagte Elradia, und ihre Stimme war fest, obwohl sie zitterte. „Aber diesmal hörst du zuerst uns.“

Die Flamme in der Tiefe flackerte – und die Schwelle begann zu brennen, ohne zu verbrennen.

Elradia hielt den Atem an.
Der Schatten hob den Kopf – und in der Tiefe seiner Augen glomm ein Licht, das nicht erlosch.

Valez’ Hand ruhte auf ihrer Schulter. „Das ist erst der Anfang.“